Dass die Psychosomatik in der Schulmedizin häufig vernachlässigt wird, hat seinen Grund: Er hat mit der Geschichte der Herausbildung der Medizin als Wissenschaft zu tun. Als sie am Übergang zur Neuzeit entwickelt wird, werden die medizinische Behandlung des menschlichen Körpers von der Behandlung der menschlichen Seele gespalten. Was sich empirisch beobachten lässt, wird dabei als harte Naturwissenschaft begriffen. Die ganzheitliche Behandlung der Seele des Menschen wird demgegenüber zunächst der Theologie überantwortet. Die Psychologie muss sich erst noch herausbilden. Aber auch mit ihrer Begründung als Wissenschaft bleibt die Abgrenzung zur Schulmedizin bestehen und der Arztbesuch beim Allgemeinmediziner ist bis heute weit gängiger als die fachliche Behandlung beim Psychologen. Wieso ist die Psychosomatik bis heute ein derartiges Stiefkind der Medizin?

Die Trennung von Medizin und Psychologie ist historisch begründet

In der Psychosomatik wird von einem Zusammenhang von Körper und Geist ausgegangen. Körperliche Krankheitserscheinungen werden dabei auf Probleme in der seelischen Verfassung eines Menschen zurückgeführt. Gleich ob es sich dabei um ein tieferliegendes psychisches Problem oder eine allgemeine Stresssituation handelt – beides kann sowohl zu Unwohlsein wie auch zu langfristigen Krankheitserscheinungen führen. Im Gegensatz zu den Krankheitssymptomen liegt die seelische Verfassung eines Menschen jedoch keineswegs offen zu Tage und kann direkt in Augenschein genommen werden. Dies führt dazu, dass die Medizin sich ihrer nicht immer direkt annimmt. Bisweilen werden psychosomatische Ursachen von Krankheiten sogar von Medizinern bestritten. Dies hat damit zu tun, dass bei manchen psychosomatischen Krankheitsbildern, auch deren Symptome nicht unmittelbar ersichtlich sind. Ein klassisches Beispiel dafür ist das Ohrensausen oder der Hörsturz. Diese lassen sich vom Arzt nicht wahrnehmen oder selbst hören. Und doch ist diese Krankheitserscheinung für die Betroffenen eine Krankheit und eine ganz erhebliche Senkung ihrer Lebensqualität. Psychosomatische Ansätze nehmen den Menschen in seiner Gesamtheit wahr und rücken damit auch Symptome in den Blick, die Mediziner üblicherweise nicht berücksichtigen.

Medizinern fehlen nicht selten psychologische Grundlagen

Durch die Trennung zwischen Psychologie und Medizin werden die behandelnden Mediziner unterschiedliche ausgebildet. Auf diese Weise ist nicht jeder Mediziner dazu im Stand, psychische Problemlagen nachzuspüren, die Krankheitserscheinungen zu Grunde liegen können. Wenn die Ursachen nicht unmittelbar zu Tage liegen, wird die Diagnose daher entsprechend schwierig. Tatsächlich aber haben viele psychosomatische Problemlagen ihre Ursache nicht in der unmittelbaren Gegenwart. Mitunter können Sie sich aus einer allgemeinen Problemkonstellation ergeben oder sogar bis in die Kindheit zurückreichen. Im Falle von traumatischen Erfahrungen ist es zudem geradezu typisch, dass diese nicht offen von den Betroffenen nicht unbedingt bewusst erinnert und offen von den Betroffenen ausgesprochen werden. Bedingt durch Prozesse der Verdrängung teilt sich das Problem manchmal nur verschlüsselt mit. Um Dinge wie diese entschlüsseln zu können, bedarf es einer professionellen und guten Ausbildung. Psychologen und ganzheitliche Mediziner sind für genau diese Arbeit geschult. Ein guter Psychologe wird dabei zugleich immer auch das medizinische Wohl seines Patienten im Blick haben. Bei akuten Krankheiten und Symptomen, die der unmittelbaren Behandlung bedürfen, wird er an die Schulmedizin verweisen. Umgekehrt weisen Mediziner bis heute nicht in jedem Fall auf die Möglichkeit einer psychologischen Beratung hin oder ziehen psychosomatische Ursachen von Krankheiten in Betracht.

Die Behandlung von Psyche und Seele braucht Zeit

Auch der Faktor Zeit spielt schließlich eine ganz wesentliche Rolle dafür, dass psychische Grundlagen bei allgemeinen körperlichen Erkrankungen oft nicht in den medizinischen Blick geraten. Während die Schulmedizin eine Diagnose in kurzer Zeit abgeben muss, um dringliche Krankheiten direkt zu behandeln, verfährt eine psychologische Behandlung anders. Bei ihr kommt es darauf an, einen gemeinsamen Prozess zu starten. Im Verlauf dieses Prozesses werden die Grundlagen der physisch-psychischen Verfassung eines Menschen Stück für Stück geklärt. Es braucht dabei Zeit, damit sich ein Mensch für einen solchen Prozess öffnen kann. Und es bedarf Zeit, dass ein Problem begriffen und bewältigt werden oder eine bestimmte Lebensweise zu einer anderen hin umgearbeitet werden kann. In den vollen Sprechstunden der Schulmedizin ist eine solche Beratung in der Regel schon aus zeitlichen Gründen nicht möglich.

Psychologische Behandlung ist nicht überall gleich gut angesehen

Auch der familiäre Hintergrund von Betroffenen spielt eine Rolle dafür, welche medizinisch-psychologische Beratung sie in Betracht ziehen. In kleinbürgerlichen Milieus wird die Schulmedizin der psychologischen oder psychosomatischen Behandlung vorgezogen. Nicht wenige Menschen nutzen deshalb Praxisangebote, in denen eine psychosomatische Behandlung nicht auf dem Programm steht. Das wirkt sich auf die durchschnittliche seelische Verfassung der Bevölkerung aus. Nicht wenige Menschen schleppen psychologische Konflikte über einen langen Zeitraum mit sich. Tatsächlich kann bereits durch ein psychosoziales Training oder Coaching im begrenzten Maße eine erhebliche Steigerung der Gesundheit erreicht werden. Wer gelassener durch das Leben geht, senkt die Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen des vegetativen Nervensystems und psychosomatische Belastungen ganz erheblich. Mit Trainings und Behandlungen dieser Art lässt sich das stärken, was neuerdings unter dem Stichwort der Resilienz beforscht wird: die allgemeine Widerstandsfähigkeit in Stresssituationen und seine allgemeine Fähigkeit, Krisen in seinem Leben zu bewältigen. Nach wie vor wird diese Art von Stärke aber eher in psychosozialen Trainings bestärkt als dass sie in den Sprechstunden der Schulmedizin Berücksichtigung findet.